Tag des geweihten Lebens

Feierliche Vesper mit Predigt von Bischof Hermann Glettler

Das Zusammenkommen der Ordensleute heute „am Tag des geweihten Lebens“ aus den unterschiedlichen Orden und geistlichen Gemeinschaften stärkt uns alle. Es zeigt die Vielfalt der Berufungen und Charismen, die es in unserer Kirche gibt. Wir können uns gegenseitig ermutigen, mit neuer Frische auf den Ruf Gottes zu antworten. Wir sind eingeladen, „mit unserem Leben zu antworten“.
1. Das Feuer der ersten Liebe neu entfachen!
„Entfache die Gnade wieder, die Dir bei der Auflegung meiner Hände zuteil wurde!“ Die Aufforderung des Paulus an seinen Schüler Timotheus ist heute an uns gerichtet. Es gab in der Glaubens- und Berufungsgeschichte jedes einzelnen von uns ein erstes Feuer, eine ursprüngliche Liebe, die uns bewegt hat, dem Herrn zu antworten. Diese erste Liebe müssen wir erneuern – allen Ermüdungen, Trägheiten und Einwänden zum Trotz. Es gibt die ganz natürliche Ermüdung nach einem anstrengenden Tagewerk, nach Begegnungen, die Energie abgesaugt haben, oder auch nach einer längeren Phase großer Beanspruchung durch eine Aufgabe, die man übernommen hat. Es gibt aber daneben auch die Ermüdung des Herzens, die Trägheit und einen gewissen Lebensstolz, der sich gefährlich einschleichen kann. Ich meine damit das Pochen und Festhalten an einer vermeintlichen Lebenserfahrung, die nichts Neues mehr zulässt. Dieser Lebensstolz kann geistliche Menschen lähmen. Der Geist Gottes ist es aber, der uns innerlich lebendig hält. Und wieder erneuert. Wir müssen uns von ihm überraschen lassen. Geistlich alt ist, wer im Herzen unbeweglich geworden ist. Ich erinnere mich mit Freude an die Begegnung mit älteren Schwestern in zwei verschiedenen Ordenshäusern der Diözese. Die Frauen haben mir von ihrer Berufung und von ihren Berufserfahrungen erzählt und von allem, was ihnen damit auch an Nähe zu den Menschen und deren Freuden und Sorgen geschenkt wurde. Ich hatte den Eindruck, das sind Menschen, deren Biographien „mit Gnade gesättigt“ sind. Ein ganz natürliches Strahlen auf ihren Gesichtern, nichts Verkrampftes, kein Vorspielen einer künstlich auffrisierten Lebensbilanz. Einfach Dankbarkeit, dass man mit dem Leben auf Gottes Ruf antworten konnte. Das ist es, diese Freude! Am Gesicht leuchtet auf, dass sie innerlich vom Licht des Auferstandenen erfüllt sind. Trotz der Dunkelheiten, die sie auch durchzustehen hatten.

2. Eine „Mystik des Wir“ als unsere Lebensdevise
Papst Franziskus spricht in der jüngst erschienenen Apostolischen Konstitution über die Neuregelung der Theologischen Studien („veritatis gaudium“) von der Notwendigkeit einer „Mystik des Wir“. Angesichts der großen globalen Herausforderungen möchte er damit eine stärkere Vernetzung und Kooperation der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen anregen. Ich greife diese Formulierung auf, weil sie uns von einer Fixierung auf unsere sehr subjektiven Wege befreien könnte. Geistliche Gemeinschaften sind doch keine Zusammenschlüsse von Individualisten! Wir sind einander geschenkt und auch aufgegeben. Wir sind einander Stütze und Last. Das ist normal. Wie wir mit dieser Ambivalenz umgehen, ist die eigentliche geistliche Herausforderung. Aus meiner Begleitung von Ordensleuten weiß ich, dass es meist den verständlichen Wunsch nach einem harmonischen Miteinander gibt – und man ärgert sich über Konflikte und Reibungsflächen, die sich im konkreten Zusammenleben zeigen. Aber, so frage ich, warum sollte es uns, die wir uns dem Herrn in besonderer Weise geweiht haben, besser gehen, als vielen Frauen und Männern, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben? Wir sind nicht besser als sie und es muss uns hinter den Klostermauern auch nicht besser gehen! Wichtig ist, dass wir uns immer neu füreinander entscheiden, uns gegenseitig nicht ausweichen, sondern der Vergebung Raum geben. Nichts macht eine Gemeinschaft so schön wie der Wille zur Versöhnung und zum Neubeginn. Eine „Mystik des Wir“ könnte uns auch deutlich vor Augen führen, dass wir stellvertretend für die Menschen unserer Zeit im Kloster sind. Es ist ein solidarisches Wir, das uns mit unserer Gesellschaft verbindet. Unsere Kämpfe, unser Ringen verbindet uns mit den Vielen. Wir verstehen damit besser, dass es in unserer aktuellen Zeit für den konkreten Menschen sehr viele Belastungen und Abgründe gibt. Wir als „geistliche Menschen“ sind zu einer tiefen Solidarität berufen – das gilt beispielsweise in gleicher Weise für die Schwestern im Karmel wie für die Zisterzienser mit ihren Schwerpunkten für Bildung und Kultur, und es gilt für die Steyler Missionarinnen ebenso wie für die Franziskaner. Nur in einer „Mystik des Wir“, die modellhaft in unseren Häusern gelebt wird, kann unsere Gesellschaft gesunden. Erneuern wir heute unsere Bereitschaft, mit Geduld aufeinander zuzugehen und das Vertrauen zum Bruder und zur Schwester wieder zu erneuern.



3. Mit „Plan B“ für die Kirche von heute und morgen
Der sogenannte Plan B kommt meist zum Einsatz, wenn der ursprüngliche Lebensentwurf – der Plan A – aufgrund besonderer Schwierigkeiten oder Umständen nicht ausgeführt werden konnte. „Plan B“ lautete auch das Kabarett von Stefan Haider, der mit feinsinnigem Humor auf die Tatsache verwies, dass kaum jemand die ideale Vorstellung seines Lebens und seiner Berufswünsche umsetzen konnte. Letztlich hat es nur zu Plan B, oder C, D, … gereicht. Aber – und das ist die Pointe – bei genauerem Hinsehen ist meist mit Plan B das verwirklicht worden, was einem entspricht und wofür man letztlich auch dankbar sein kann. Irgendetwas ist dazwischen gekommen oder nicht so gelaufen, wie anfangs erträumt hat, aber: Gott sei Dank! Im Nachhinein betrachtet ein Segen. Plan B – steht nun in unserer Betrachtung für die Entschlossenheit, das Thema Berufung (B) aus einer Ecke der Verlegenheit herauszuholen. Der lebendige Gott, der auferstandene Herr, kommt uns auch heute dazwischen, und ruft ungeniert Menschen, ihm zu folgen. Die Berufungen sind da, aber wir sie müssen freigesetzt werden. Ich bin überzeugt, dass wir in einer Zeit leben, wo viele junge und auch ältere Menschen von Gott angesprochen werden. Vielleicht tun sie sich schwer, in eine Gemeinschaft einzutreten, die sich schon selbst aufgegeben hat – oder wo das ursprüngliche Charisma nicht mehr leuchtet. Plan B ist ein Anstoß, dass wir gemeinsam eine Berufungspastoral wahrnehmen, die nicht von der mühsamen Bedürftigkeit geprägt ist, sondern von der Zuversicht, dass Gott in unseren Tagen viele Menschen braucht, die seine Barmherzigkeit und Leidenschaft für den Menschen erfahrbar machen. Wie die Gestalt dieser Antwort auf seinen Ruf auch immer aussehen mag – Berufungen sind da. Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass sich Jesus mit seinem Ruf zur Nachfolge fast immer an Vollbeschäftigte gewandt hat, nie an Leute, die untätig oder lebensunzufrieden irgendwo herumgestanden wären. Übrigens kommt im Miteinander der vielen Kulturen und Sprachen in unseren Gemeinschaften (aus Polen, Bolivien, Ruanda, Vietnam, …) auch eine Anregung, den Plan B stärker vor Augen zu haben. Weltweit gesehen gibt es einen ermutigenden Aufschwung für geistliche Berufungen. Lassen wir uns also auch „von außen“ befruchten.
Liebe Schwestern und Brüder! Ich lade Euch ein, in die erste Liebe Eurer persönlichen Berufung wieder einzutauchen, Eure Herzen mit dem Geist der ursprünglichen Freude der Nachfolge Christi zu sättigen und in einer „Mystik des Wir“ in unserer Gesellschaft präsent zu sein. Wir können und müssen keine Wunder tun. Aber der lebendige Herr, der uns gerufen hat, ist kreativ und initiativ genug, seine Kirche zu erneuern. Der Plan B ist hoffentlich für uns alle eine Provokation und Aufgabe, Neues zu wagen und uns dem Herrn in neuer Weise zur Verfügung zu stellen

Sehr bunt ist die Gemeinschaft, die zusammengekommen ist den Tag des geweihten Lebens in der Stiftskirche in Wilten miteinander zu feiern.

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